„Letztes Spiel?“ frage ich. Meine Mitspielerinnen nicken. Sofort schweifen meine Gedanken ab, als ich meinen Zug durch das Ablegen einer Zwölf beende. Sie drehen sich nicht um die vergangenen Tage, nicht um das vergangene Jahr, nicht um die bevorstehende Rückreise oder um die Planungen für die nächsten Wochen. Sie drehen sich auch nicht um die aktuellen Nachrichten, seien sie nun Wirtschaftskrise, Terrorismus, Krieg oder Steuerentlastungen. Ich denke auch nicht an eine bestimmte Person oder bestimmte Personen, nicht an einen Film, nicht an ein Buch, nicht an eine schöne Landschaft. In dem Moment, in dem ich meine Gedanken nicht mehr fest auf eine Sache konzentriere, beginnen sie einfach, davonzulaufen. Ohne Ziel, ohne Zwischenhalt, abwärts. Wie ein Felsbrocken, der auf der Spitze eines Berges ins Rollen kommt und unaufhaltsam hinabstrebt, auf eine Schlucht zu, die keinen Boden hat. Wie ein Raumschiff, das sich im Gravitationsfeld eines schwarzen Lochs verfangen hat und unaufhaltsam ins Nichts gezogen wird. Ich bin der Kommandant des Raumschiffs, ich kämpfe gegen den Sog an, doch mehr und mehr geht mir der Treibstoff aus. Das Ende ist nah.
„Du bist dran.“ ertönt es neben mir. Ich fange mich wieder und schaue auf den Tisch. Ein paar Karten sind hinzugekommen, doch für mich hat sich nichts an der Situation geändert. Ich ziehe eine weitere Zwölf, die ich nicht gebrauchen kann und lege sie gleich wieder ab.
Sofort ist das schwarze Loch wieder da und reißt an meinen Gedanken. Warum kämpfe ich überhaupt dagegen an? Eine Kapitulation bringt Ruhe und Frieden, eine Abkürzung ins Glück. Es war einfach zu viel in den letzten Tagen, die Anstrengungen fordern ihren Tribut. Es war nicht körperlich anstrengend, sondern sozial anstrengend. Nicht, dass ich nicht gerne mit Menschen zusammen wäre, aber ich brauche einen Rückzugsraum. Ein paar Stunden Frieden, in denen ich machen kann, was ich will, ohne Erklärung, ohne Nachfrage. Ohne Kommentar. Das muss nicht jeden Tag sein. Einmal in der Woche reicht. Aber nach zwei Wochen sind meine Kraftreserven einfach erschöpft. Es fängt ganz langsam an: Ich rede weniger. Meine Antworten werden kürzer. Sie werden auch leiser und gehen irgendwann in ein Brummen über. Ich werde denkfaul: Was Nachdenken erfordert, erscheint plötzlich besonders unattraktiv. Ich sehe mich nach einem niveaulosen Film, den ich gemeinsam mit einer Flasche Bier im halbdunklen Zimmer ansehen kann. Nach einem Donald-Duck-Comic auf der Toilette. Oder nach einem Gruselhörspiel-Marathon, den ich von abends acht bis mittags vierzehn Uhr im Bett absolviere.
Kurz gesagt: Ich bin oversocialized. Es war einfach zu viel. Nein, nicht zu viel: Es war einfach zu wenig. Zu wenig Einsamkeit. Oder auch Zweisamkeit. Auf jeden Fall nicht Drei- oder Mehrsamkeit. Es spielt auch keine Rolle, dass die Leute um mich herum alle nett sind und wir Spaß haben – völlig egal. Einfach nur Ruhe.
„Du bist dran.“ ertönt es wieder neben mir. Ich ziehe eine Karte und tatsächlich: Jetzt kann ich die Karten auf dem Tisch so anordnen, dass eine meiner Mitspielerinnen diese Runde, spätestens nächste Runde fertig werden müsste. Nur auffallen sollte die Manipulation nicht.
Sonntag, 3. Januar 2010
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